Kategorie: 2022

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Nun kann die Weihnachtszeit kommen

Wann beginnt sie eigentlich, die Weihnachtszeit? Viele Suhler haben darauf eine einhellige Antwort: mit dem traditionellen Chorkonzert des Thüringer Männerchores Ars Musica zum Advent. Nun kann sie also kommen.

700 Konzertbesucher mit weiten Herzen in die Weihnachtszeit zu entlassen, ist den Sängern von Ars Musica während ihres aktuellen Chorkonzertes zum Advent brillant gelungen. Zu ihrer traditionell am vierten Advent stattfindenden musikalischen Einladung dazu, haben sie erneut in der Kreuzkirche begeistert. Wenn auch erstmals wesentlich zeitiger als sonst üblich, um der Bedeutung von König Fußball Rechnung zu tragen. Deshalb wurde das Konzert kurzerhand nach vorn verlegt, damit sowohl kulturelle, als auch sportliche Freuden zum WM-Finale nicht kollidierten.

Festliche Stimmung, geheimnisvolle Momente, zu Herzen gehende Klänge, all das vermochten die Sänger mit ihrem Programm auch bei Tageslicht zu bewirken und bewiesen damit einmal mehr die Kraft, die von Musik und die Magie, die von der Stimme ausgeht. Sich ganz darauf zu konzentrieren, gelang gleich ab im zum von Kreiskantor Philipp Christ an der Orgel eingeleiteten ersten Teil des Konzertes, in dem überwiegend internationale Stücke interpretiert wurden. Deren Inhalte blieben den meisten Zuhörern wohl sicherlich verborgen. Etwa beim kraftvoll vorgetragenen „Veni Emmanuel“ (Frankreich), mit dem die Freude auf Jesu Geburt verkündet wird oder beim Wiegenlied „A la nanita nana“ (Spanien). Daraus machten Sebastian Byzdra und Alexander Nutsch als Solisten in der Kanzel einen besonderen Hörgenuss, der sich in bewegende Augenblicke steigerte. Wieder war es Sebastian Byzdra, der als Solist in der von Maik Gruchenberg bearbeiteten Huldigung „Kyrie für Männerchor und Solo Tenor“ den Atem der Zuhörer kurz ins Stocken geraten ließ.

Überraschende Interpretationen

Ob die weihnachtliche Weise aus Katalonien „Mitten in der Winternacht“, das schwedische Weihnachtslied „Jul, jul, stralande, jul“, dem später das flott-fröhliche „Ding Dong! Merily in high.“ folgte, der Glockenklang zur Feier der Geburt des Heilands oder „Whisper! Whisper!“, ein Weihnachts-Spiritual aus den USA, die Stückauswahl für das Chorkonzert zum Advent von Ars Musica sparte mit Überraschungen keineswegs. Das galt besonders auch für die Interpretationen bekannter Weihnachtslieder wie „Maria durch ein Dornwald ging“ , „O Heiland reiß die Himmel auf“ oder „O Tannenbaum“, die ein äußerst angenehm moderner Hauch umgab.

Maik Gruchenberg, künstlerischer Leiter des Thüringer Männerchores, bewies erneut feines Gespür dafür, seine Sänger weihnachtliche Stimmung verbreiten zu lassen und lud auch zum jüngsten Konzert alle Besucher zum gemeinsamen Singen von „O du Fröhliche“ ein. Mit „Stille Nacht“ verabschiedete der Chor in die erwartungsvolle Zeit, nicht ohne jedoch vorab zu verraten, für welchen Zweck die Kollekte in diesem Jahr Verwendung finden soll. Angedacht ist, das Holzpodest in der Kreuzkirche zu erneuern, das noch aus tiefster DDR-Zeit stammt, einst im Eigenbau errichtet worden ist und keinem Standard entspricht. Noch hat Küster Torsten Röpke keinen Preis, wohl aber möchte er, dass es dem der Hauptkirche entspricht, das Mitte der 1990er Jahre angeschafft worden ist. Zudem soll das neue Podest künftig auch für den Außenbereich nutzbar sein. Für ein solches aus Aluminium und Multiplexplatten bereitet er gerade das Aufmaß vor und rechnet zum Beginn des kommenden Jahres mit einem Angebot. Insgesamt 1700 Euro haben die Konzertbesucher am vergangenen Sonntag dazu bereits beigetragen. Wer weiß, vielleicht erleben sie den Männerchor zum nächsten Adventskonzert schon auf neuen Podest-Elementen.

Text: Dörthe Lemme / Foto: frankphoto.de

Schöner die Stimmen nie klingen

Vor 50 Jahren haben 53 Knaben unter Leitung von Hubert Voigt zum ersten Mal geprobt. Jetzt steht der nur noch 17-köpfige Knabenchor mit Männern auf der Bühne, die ihre Karriere in dem Klangkörper hinter sich und noch immer Freude am Singen haben.

Schöner die Stimmen nie klingen … Nie schöner als in diesem Zusammenspiel von gestandenen Männern, Kindern und Jugendlichen, die nicht nur die Freude am gemeinsamen Gesang vereint, sondern der Suhler Knabenchor. Der feiert am Samstag seinen 50. Geburtstag. Und wie! Sie alle bringen auf die Bühne der bis unters Dach voll besetzten Hauptkirche, was wohl kaum eine andere Stadt aufzuweisen hat – einen etwa 50 Stimmen starken Männerchor aus Ars Musica und anderen ehemaligen Sängerknaben, der den Knabenchor in seine Mitte nimmt. Schöner hätte das Symbol dafür, dass die Mitgliedschaft im Knabenchor nicht irgendwas ist, sondern etwas für das ganze Leben, nicht inszeniert werden können. Das Konzert verbindet die Freude von heute mit den Erinnerungen von gestern. Und es zeigt, welche Gemeinschaft aus dem Knabenchor heraus gewachsen ist.

Spannender Musik-Bogen

Aus dem Knabenchor, für den jetzt Max Rowek Aufbauarbeit leistet und vor allem Nachwuchsarbeit. Der Auftritt der Knaben überrascht. Mit Können. Anspruch. Mit Hingabe. Bei dem Magnificat quarti toni mit Cellosoloeinlagesätzen zum Beispiel, das einen musikalischen Bogen über einen Zeitraum von etwa 475 Jahren spannt. Maik Gruchenberg, der Leiter des Männerchors Ars Musica, stimmt Antiphone an, die an schlichte Psalmengesänge erinnern, der Knabenchor löst ihn ab und Karima Albrecht am Cello hat ihren Einsatz. Sie lässt Improvisationen hören, selten gehörte Töne, die mitunter sphärisch klingen, kaum noch einem Cello zuzuordnen sind und sie liefert einen modernen Kontrast zu der sehr alten Musik. Für den einen mag das spannend sein, für den anderen Geschmackssache. Interessant aber ist das allemal. Freilich singt der Knabenchor auch traditionelle, wunderbar arrangierte Weihnachtslieder wie „Sind die Lichter angezündet“ oder „Leise rieselt der Schnee“. Und die jungen Sänger ernten Beifall über Beifall für ihren Auftritt, mit dem sie sich und ihren Chorleiter Max Rowek für all die Probenarbeit belohnen.

Kreiskantor Philipp Christ spielt die wunderbare Fuga Sopra il Magnificat auf der Orgel und dann gehört die Bühne dem Männerchor Ars Musica. Den Männern also, die vor Jahrzehnten im Suhler Knabenchor groß geworden sind und das Singen nicht sein lassen konnten. Zum 20. Geburtstag des Knabenchores, haben sie sich auf Bitten von Hubert Voigt noch einmal zusammengefunden und waren erstaunt, dass ihre Stimmen noch immer eine gute Qualität haben. So beschlossen sie, als Männerchor Ars Musica weiter zu singen. Das machen sie nun schon seit 30 Jahren, begeistern bei Konzerten, füllen Kirchen und Hallen, gehen auf Konzertreisen ins Ausland und setzen immer wieder soziale Projekte um. Nun singen sie unter anderem „O Heiland reiß die Himmel auf“ und den Klassiker „O Tannenbaum“. Und das mit herrlich modernen Zitaten, ohne den klassischen Bezug zu verlieren.

Emotionen mit Botschaft

Schließlich steht sich Ars Musica etwa 20 anderen ehemaligen Sängerknaben gegenüber, die eigens für das Geburtstagskonzert geprobt haben und in ihre Heimatstadt gereist sind. Maik Gruchenberg leitet beide Chöre und führt sie zusammen. Nein, auch diese Ehemaligen haben nichts verlernt, auch wenn mancher Stimme vielleicht ein bisschen Training fehlt. Zusammen bringen sie Lieder wie „Süßer die Glocken nicht klingen“ und „Tochter Zion, freue dich!“ zu den Ohren des Publikums, das begeistert ist.

Zu toppen ist das nur noch durch den vorletzten Programmpunkt. Durch den gemeinsamen Gesang von Ars Musica, Ehemaligen und dem Knabenchor, die „Drei Könige wandern aus Morgenland“ interpretieren. Dabei halten sich die Männerstimmen so dezent im Hintergrund, dass die Stimmen der mutigen Knaben regelrecht leuchten können. Was für künstlerische, was für emotionale Momente! So manchem im Publikum stehen die Tränen in den Augen. Es ist ein Genuss. Es ist eine Botschaft. Der Knabenchor ist im Herzen der Suhler zu Hause.

Text: Heike Hüchtemann/ Fotos: frankphoto.de

2022, Kritiken

4000 Kilometer entfernt „schaut doch Hoffnung um die Ecke“

Langewiesen – Selbst das frühlingshafte und zeitgleiche Nachhole-Weihnachtsoratorium im benachbarten Ilmenau zehrte kaum an der erwarteten Gästezahl dieses unvergleichlichen Chorkonzert-Erlebnisses in Langewiesens Liebfrauenkirche. So ergreifend zu Herzen gehend und bewundernswert wie das noch junge Armenienhilfe-Projekt des samt Kirchgemeinde einladenden Ehepaares Michael und Gabriele Damm, Pfarrer i.R. aus Holzhausen, erklang zum Auftakt der armenische Sakralgesang „Amen Hayr Surb“ von Makar Yekmalyan (1856 – 1905).

Der Männerchor Ars Musica, dessen Mitglieder monatlich aus halb Deutschland und dem EU-Ausland zu Proben in Suhl zusammen kommen, in der Langewiesener Liebfrauenkirche. Foto: Klaus-Ulrich Hubert

Über 25.000 Erdbeben-Tote
Stimmen und Stimmung so mächtig und eindrucksvoll wie das rund 4000 Kilometer entfernt gelegene Land am Kaukasus Südhang und am Fuße des Heiligen Berges der Armenier, dem Ararat… auf türkischem Staatsgebiet.

Dass der 1994 aus ehemaligen Sängern des Knabenchores der Suhler Philharmonie gegründete Klangkörper unter Leitung von Maik Gruchenberg (seit 2010 künstlerischer Leiter der Halleschen Kantorei) 35-köpfig unter viel herzlichem Begrüßungs-Beifall Samstagabend in die Liebfrauenkirche einzog, hatte vor allem auch diesen Grund: Die Musiker kennen nicht erst seit ihrer großen Konzertreise durch Armenien im August des Vorjahres das Ehepaar Damm aus dem Ilm-Kreis-Norden als schier unverdrossene Verbündete im humanistischen Hilfe-Anliegen für viele armenische Einzelschicksale.

„Heimat des Schmerzes“
Seien es die überlebenden Opfer des 1988-er Erdbebens in Spitak mit weit über 25 000 Toten, deren Nachkommen immer noch in provisorischen Containerdörfern hausen. Oder eben die des Kaukasus-Krieges von 2020! Oder, weil Armenien oft auch als „Heimat des Schmerzes“ gilt. Der reicht weit zurück in Verfolgung, Vertreibung und bis in Zeiten des Völkermordes durch das Osmanische Reich an den Armeniern im Jahr 1915.

„Zuletzt hinterließ der Krieg um die Region Bergkarabach ab 2020 Verwüstung, Armut und Leid, das wir hinter all den anderen Schlagzeilen hierzulande weder ermessen können, noch irgendwie vor Augen haben. Also schlicht vergessen. Weil sie so weit weg scheinen…“, so Gabriele Damm bei Vorbereitung des großen Solidaritätskonzertes im kleinen Langewiesen gemeinsam mit Choraktivist Thorsten Weiß.

Sogar bei Radio Erivan
Der Suhler Vereinsvorsitzende und Gründer von „Ars Musica“ mit seinen Mannen sei in Sachen ehrenamtlicher Hilfe für Menschen in Not und vielerlei andere soziale Projekte das Beste, was ihnenin Sachen Armenienhilfe passieren konnte, sagt Michael Damm. Schulterklopfend auch für Thorsten Weiß‘ Vorjahrestitel „Thüringer des Monats“ beim MDR.

Denn mögen die weltweiten Konzertreisen des Chores wie u.a. nach China, Japan, Chile, Portugal, Rumänien, Portugal, Tschechien und ins partnerstädtische Kaluga (Russland) noch so eindrucks- und erlebnisreich gewesen sein: Ihre zehn Konzerte vom Sommer 2021 zwischen dem Tonstudio des berühmten Senders Eriwan, den Klöstern wie u.a. Sewanawank über dem Sewansee, im Musikkonservatorium Gyumri oder in Spitak, der Stadt des Bebenepizentrums und Massensterbens von 1988 – sie gehörten zu ihren spürbar Herzens-nachhaltigsten.

Sieg gegen Bayern
Dass der Spruch „Nur Tore zählen!“ letztlich auch nicht nur die gemeinsame Arbeit für armenische Hilfsprojekte kennzeichnet, stand im Vorjahr bei einem fröhlichen Mannschaftsbild des Chores in Eriwan-City Pate: Am Denkmal der Elf des FC Ararat mischten sich die Sänger unter die lebensgroßen bronzenen Fußballer, die 1975 den FC Bayern bezwangen…

Nun aber, als das über ein Dutzend Werke der Welt-Chormusik umfassende Konzert letztlich mit einem humorvoll um-komponierten Medley frei nach Schuberts „Launischer Forelle“ und einer Zugabe endete, wollten es die Akteure des unvergesslichen Abends kaum glauben. Gabi Damm, während die Sänger im Gemeindesaal-Garten mit Bier und Bratwurst ihre „Gage“ einstrichen: „Zusätzlich zu den gespendeten Eintrittsgeldern von 740 Euro kamen nach Konzertende noch weitere 970 Euro an Spenden zusammen!“

„Alles wird wieder gut“?
Gabriele Damm deutete bei ihrem herzlichen Dankeschön an den Chor und dessen Publikum lediglich an, welches Schicksal auf der Flucht vor Phosphor- und Streubomben die von ihm konkret betreute Familie eines Kriegs-toten Soldaten erleidet. Und wie man ihr zu halbwegs menschenwürdigen Wohn- und Lebensverhältnissen verhilft.

Friedrich Silchers (1789 – 1860) Chorwerk „Frisch gesungen“ enthält die Refrain-Zeile „…und alles wird wieder gut“. Das wird es für die Menschen in Armeniens und in anderen Armuts- und (Nach-)Kriegsregionen wohl nicht so bald. Doch Damms rührige Projekthelferin vor Ort, Stella, formulierte gerade dieser Tage bei Verabschiedung der Helfer aus dem Ilm-Kreis: „Wir leben in einem sehr armen Land. Aber um manche Ecke schaut eben manchmal doch etwas Hoffnung.“

An solch einer Ecke lag am Samstag auch Langewiesens Liebfrauenkirche.

von Klaus-Ulrich Hubert