Armenien

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1988 – Ein Rückblick

Die musikalische Weihnachtszeit beginnt für Hubert Voigt und seine Jungs vom Suhler Knabenchor mit Beginn des neuen Schuljahres. Von September bis Dezember proben die Jungen wöchentlich zwei bis drei Mal das Programm für die Konzerte, die sie in der Vorweihnachtszeit in Kultur- und Klubhäusern, in Veranstaltungsräumen von Museen und Erholungseinrichtungen des Bezirkes Suhl singen werden. Chorleiter Hubert Voigt ist Perfektionist, jeder Ton, jeder Einsatz soll sitzen, jede Pause will ausgehalten, jeder Text klar und deutlich gesungen werden, jedes Lied gefühlvoll und dynamisch gestaltet sein. Wenn dann der Dezember kommt, sind die mehr als 100 Jungen vom Knabenchor der Suhler Philharmonie fast jedes Adventswochenende unterwegs.

So ist es auch 1988. 1988 ist auch das Jahr, in dem am 7. Dezember ein starkes Erdbeben weite Teile Nordarmeniens erschüttert. Tausende Menschen verlieren ihr Leben, Millionen ihr Zuhause inmitten eines eisigen kaukasischen Winters. Die „Aktuelle Kamera“ zeigt Bilder vom Elend der Menschen, der Rundfunk der DDR berichtet, die Tageszeitungen schreiben. Informationen über die verheerenden Auswirkungen und das Leben nach dem Beben im Kaukasus, die die Medien der DDR den Bürgern ihres Landes zum Teil vorenthalten, er-fahren diese aus dem Westfernsehen und -rundfunk. So ist auch für viele von ihnen un-übersehbar, wie dringend Hilfe für die Menschen im Kaukasus nötig ist.
Fünf Tage nach dem Erdbeben, am 12. Dezember, Montagvormittag, steht Hubert Voigt im Pfarrbüro der Suhler Hauptkirchen-Gemeinde am Kirchberg 6 und fragt Pfarrer Hans Michael, ob es möglich sei, am kommenden Sonnabend ein Konzert in der Hauptkirche zu geben als Hilfe für die Erdbebenopfer in Armenien. Pfarrer Michael zögert bei seiner Zusage nicht. Zum einen wünscht er sich schon lange ein Knabenchorkonzert in seiner Kirche. Zum anderen kommen ihm die armenischen Reisegruppen in den Sinn, die, wenn sie Suhl besuchen, auch in seine Kirche gehen, ihn bitten die Orgel spielen zu hören. Ihnen stecken Pfarrer Michael und seine Frau heimlich Bibeln in armenischer Sprache zu, weil sie diese in der Sowjetunion nicht kaufen können. Diesen Menschen muss geholfen werden. Das steht für Hans Michael fest.

Chorleiter und Pfarrer wissen, dass es dem Knabenchor verboten ist, in der Suhler Hauptkirche zu singen, dass es Probleme geben wird, vor allem für Voigt, der eine Anstellung bei der Suhler Philharmonie hat und den Konzertplänen der staatlichen Gremien verpflichtet ist. Das hält die beiden Männer nicht von ihrer Entscheidung ab.
Es bleiben ihnen fünf Tage, das Konzert vorzubereiten. Voigt hofft, dass die Ausrichtung des Konzertes als Solidaritätskonzert ihren Plan legitimieren würde, zumal Solidaritätsaktionen in der DDR in der Vorweihnachtszeit üblich sind. Allerdings werden sie bis dato von staatlicher Seite organisiert und gelenkt. 1988 fehlen große Solidaritätsaufrufe für die Armenische SSR in der DDR. Möglich, dass die SED-Ideologen befürchten, dass die DDR-Bürger ein falsches Bild vom „Großen Bruder“ bekommen, wenn Hilfe für eine der Sowjetrepubliken großflächig thematisiert wird. Vorstellbar aber auch, dass man eine Unterstützung durch die DDR nicht für notwendig befindet. Immerhin engagieren sich die westeuropäischen Staaten, erhält Armenien eine große Spendensumme aus den USA. Über die „Wenns“ und „Vielleichts“ machen sich beide keine Gedanken.

Auf die Konzertankündigung reagieren als erstes die Bezirksstellen der SED. Sie verbieten Hubert Voigt, mit dem Knabenchor in der Kirche zu singen. Kurzentschlossen wendet sich Pfarrer Michael an Bischof Johannes Braun in Magdeburg, der in Berlin bei Kurt Löffler, Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR, interveniert. Löffler gelingt es beim Rat des Bezirkes Suhl am Dienstagnachmittag, eine Erlaubnis für das Konzert zu erwirken. Noch ein Abend und drei Tage bleiben, das Konzert zu bewerben, Eintrittskarten zu verkaufen, die Kirche vorzubereiten. Dienstagnacht gehen Pfarrer Michael und seine Frau spät zu Bett. Sie malen Plakate. Weil es ein ernstes Thema ist, wählt Frau Michael ein dunkles Violett als Untergrund, weißes Papier für die Kerze, der Kerzenschein wird aus gelbem Papier ausgeschnitten und aufgeklebt, die Daten von Hand geschrieben. Am Mittwoch verteilen sie die Plakate in der Stadt. Ein extra großes Plakat bringen sie in der Kirche an, erinnert sich Renate Michael. Die kleineren hängen in den Schaukästen der Kirche, des Gemeindehauses, Kindergartens, in den Schaufenstern evangelischer Ladenbetreiber in Suhl. Ein einspaltiger Programmhinweis im „Thüringer Tageblatt“, eine Meldung im FAJAS-Betriebsfunk, wobei nicht sicher ist, ob für das Konzert geworben oder vom Besuch dringend abgeraten wird, sind die einzigen Werbemaßnahmen außerhalb der Suhler Gemeinde. Die in Suhl meist gelesene Tageszeitung, das „Freie Wort“, schweigt. Für die Eintrittskarten sucht Pfarrer Michael einen Satz aus der Weihnachtsbotschaft im Lukas-Evangelium aus und schreibt ihn auf Armenisch aufs Papier. Als Preis notiert er 6,05 Mark, ermäßigt 3,05 Mark.

Am Samstagnachmittag, am 17. Dezember, finden sich in der Suhler Hauptkirche weit mehr als 1.000 Menschen ein. Die Kirchenbänke reichen nicht für die Besucher. Stühle werden herangetragen, manche Besucher müssen stehen bleiben. 1050 Karten sind verkauft worden. Die Kirche ist so voll wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Ehepaar Michael und seine Helfer haben sie geputzt, geheizt und geschmückt. Es ist eine be-sondere Stimmung im Gotteshaus. Die Jungen vom Knabenchor stellen sich auf und beginnen zu singen. Sie singen Bachs „O Jesulein zart“ und „Wachet auf! Ruft uns die Stimme“, Schützs „Lobet Gott mit Schall“, die alten Volksweisen „Es ist ein Ros entsprungen“ und „Es ist so still geworden“, weniger alte Weihnachtslieder wie Siegfried Köhlers „Tausend Sterne sind ein Dom“ und „Still senkt sich die Nacht hernieder“ von Gerhard Wohlgemuth. Der Knabenchor teilt sich den musikalischen Nachmittag mit dem Suhler Hornquartett. Auch die vier Bläser spielen weihnachtliche Weisen. Bevor alle auseinandergehen, erfüllt der gemeinsame Gesang von Knabenchor und Publikum das Gotteshaus. Bei „Guten Abend, schön Abend“ und „Oh Tannenbaum“ sind alle textsicher. Im Publikum sitzt Hennig Kohl, einer der Chorsänger. Auch wenn er nicht mitsingt, er war im Oktober aus der NVA entlassen worden und hatte an den Proben nicht teilnehmen können, ist es für ihn selbstverständlich. das Konzert zu besuchen. Er und seine Familie sind wie viele andere erfüllt vom Wunsch zu helfen und sich einig, dass die Suhler Hauptkirche ein angemessener und würdiger Ort für dieses Vorhaben ist. Aus diesem Grund sind sie hier. An diesem Samstagnachmittag in der Vorweihnacht des Jahres 1988 hat nicht nur das Anliegen der Initiatoren, Solidarität zu üben, die Menschen in der Suhler Hauptkirche zusammengebracht, sondern auch deren Bedürfnis nach einer besinnlichen Stunde in der Adventszeit in der Kirche ihrer Stadt.
Wieder Montag. Am 19. Dezember steht Hubert Voigt erneut im Büro von Pfarrer Michael. Die Einnahmen von Kartenvorverkauf und Kollekte sind gezählt und belaufen sich auf 12.000 Mark der DDR. Mit dieser Summe hatte niemand gerechnet. Chorleiter und Pfarrer sind überwältigt. Es war für sie eine aufregende Woche, in der sich die beiden Männer etwas getraut haben, das eigentlich unmöglich schien. Sie haben ein weihnachtliches Kirchenkonzert ohne offizielle Unterstützung organisiert und durchgeführt. Die 12.000 Mark überweist Hubert Voigt komplett auf das Konto 444 des Solidaritätskomitees der DDR. Handschriftlich fügt er das Wort Kaukasus hinzu in der Hoffnung, dass die Summe genau dort Verwendung finden möge.

Für Hubert Voigt bleibt das Konzert nicht ohne Folgen. Er muss sich disziplinarisch verantworten. Weitere Kirchenkonzerte werden ihm strikt verboten. Dass dieses Verbot ein Verfallsdatum hat, wissen die, die es Anfang 1989 aussprechen, noch nicht. Fast genau ein Jahr später, am 16. Dezember 1989, begeistert sein Suhler Knabenchor das Publikum in der Marienkirche in Würzburg und tritt am 21. Dezember mit seinem Weihnachtsprogramm in der Zella-Mehliser St. Blasii Kirche auf. Konzerte in den Suhler Kirchen, ob vom Suhler Knabenchor oder von „Ars Musica“, sind zur Selbstverständlichkeit und nach fast 30 Jahren Tradition geworden.

Spendenaufruf

Vor 30 Jahren haben wir als Knaben oder junge Männer im Dezember 1988 für die Opfer des Erdbebens in der Armenischen SSR in der Suhler Hauptkirche gesungen. Die aus dem Verkaufserlös und der Kollekte zusammengekommenen 12.000 Mark wurden auf das Spendenkonto 444 des Solidaritätskonzertes der DDR überwiesen. Ob das Geld die Menschen in Armenien wirklich erreichte und ihnen half, ist ungewiss.
Wir haben dieses Konzertereignis zum Anlass genommen, uns erneut für Armenien zu engagieren. Heute ist es möglich, gezielt zu helfen. So haben wir uns im Vorfeld informiert und entschieden, die Arbeit der Mittelschule in Litschk in der armenischen Region Gegharkunik zu unterstützen.
Litschk ist ein Dorf in einer abseits gelegenen Region mit schwach entwickelter Infrastruktur und hoher Arbeitslosigkeit. Die Mittelschule wurde vor 100 Jahren (1918) gegründet und wird heute von ca. 1.000 Kindern der Region besucht. Als erste Fremdsprache lernen die Kinder Deutsch. Nach dem Zerfall der UdSSR konnten bisher nur kleinere Reparaturarbeiten, ermöglicht durch ehemalige Absolventen der Schule, ausgeführt werden. Die Gemeinde ist selbstständig nicht in der Lage, dringend benötigte Renovierungsarbeiten durchzuführen. Der große Wunsch der Kinder, die Schulaula wieder nutzbar zu machen, ist bisher unerfüllt. Diese ist aber für das gesellschaftliche Zusammen-sein von Schule und Gemeinde von großer Bedeutung. Wir möchten gemeinsam mit Ihnen ein Zeichen der Solidarität aus der Stadt Suhl nach Litschk senden und Kindern und Gemeinde die Renovierung der Schulaula ermöglichen.